Warum Unperfektion wichtig sein kann und wann sie funktioniert.

Am Freitag hatte ich meinen ersten Auftritt mit Klavier und Gesang. Es war ein wundervoller und rundum gelungener Abend. Ich war glücklich. Mein Publikum war glücklich. Es war einer der richtig guten Tage.

Gleichzeitig habe ich ziemlich viele Fehler gemacht. Ich bin es nicht gewohnt, vor Publikum zu spielen.

Die Fehler spielten allerdings bei den vielen positiven Rückmeldungen keinerlei Rolle. Möglicherweise sind die Fehler dem Publikum gar nicht aufgefallen?

Später dann dachte ich mir: Vielleicht waren die Fehler sogar ein Teil des Erfolgs?

Ich war schon auf Konzerten, wo Spitzen-Musiker unglaublich perfekt gespielt und mich nicht berührt haben.

Kann das daran liegen, dass diese perfekte Musik und der Mensch hinter dieser perfekten Musik so gar nichts mit mir als Zuhörer zu tun hat? Weil ich nicht so perfekt bin. Nicht so überragend. Nicht so diszipliniert. Nicht so professionell.

Ich wage die These, dass Unperfektion verbindet. Nähe herstellt. Sympathisch ist.

Dafür gibt es 3 wichtige Voraussetzungen:

  • Es hängt auch von Deinem Publikum ab. Wenn im Publikum Menschen sitzen, die vor allem Spitzenleistungen auf der Bühne gewohnt sind und erwarten, kann es als Normalsterblicher schwierig werden. Normale, musikalisch unschuldigere Menschen sind einfacher zu beglücken.
  • Das Gefühl muss passen. Bei mir und meinen Zuhörern. Dazu benötige ich Zugang zu seinen Gefühlen. Ich muss mich trauen, mich auf die Geschichten der Lieder einzulassen.
  • Das Umfeld muss passen: Ich hatte eine schöne Location. Eine Violistin hat mich am Klavier begleitet. Der Raum war abgedunkelt und Kerzen haben für eine schöne Stimmung gesorgt.

Marketing ist wie ein Konzert.

Der Erfolg hängt von Dir UND von Deinem Publikum ab.

Dein Publikum muss Deine Qualitäten wahrnehmen können. Sonst kannst Du Dein Publikum nicht glücklich machen.

Deshalb gibt es (unter anderem) 2 Kombinationen, die funktionieren:

Variante 1:

  • Du spielst durch und durch perfekt. Keine Fehler. Perfekte Vorbereitung. Keinerlei Stress auf der Bühne.
  • Dein Publikum steht auf Spitzenleistung. Und wertet diese Spitzenleistung höher als den Menschen hinter der Spitzenleistung.
  • Dein Publikum weiß viel über das, was Du spielst. Intellektuelle, kritische Zuhörer. Da die Aufmerksamkeit auf der Klasse der Darbietung liegt, spielen andere Faktoren nicht die große Rolle, weil ein Zuhörer nicht alle Kanäle auf einmal geöffnet haben kann.
  • Das Umfeld ist ein Profi-Umfeld. Die Karte kostet viel Geld. Der Pianist spielt auf einem Steinway-Klavier. Das Publikum ist edel gekleidet.

Variante 2:

  • Dein Publikum sind ganz normale Menschen
  • Dein Publikum will vor allem einen schönen Abend erleben
  • Dein Publikum mag etwas erleben und (gefühlsmäßig) bewegt werden
  • Du es nicht schaffst, eine Verbindung mit diesen echten Menschen auszubauen und daher keine Gefühle auslöst: Dann wirst Du kein Stamm-Publikum aufbauen.

Selbstverständlich gibt es auch etwas dazwischen. Zuhörer, die Gefühle wollen und einen Profi-Musiker auf der Bühne. Ich habe mich auf 2 Alternativen konzentriert, weil diese beiden Alternativen wahrscheinlicher sind. Denn Menschen schaffen es häufig nicht, entgegengesetzte Kriterien miteinander zu verbinden. Perfektion und Menschlichkeit. Kritiker-Blick und Gefühl. Kopf und Gefühl. Auch wenn diese Kombination extrem bereichernd ist.

ACHTUNG:

Variante 2 ist viel einfacher. Du bist ein Mensch. Und keine perfekte Maschine. Die Interaktion mit Menschen macht zumindest langfristig glücklicher als die Interaktion mit Maschinen. Du verbindest Dich. Bist eins mit Deinem Publikum. Auch wenn Du kein Star bist. Die Menschen kommen immer wieder zu Dir, einfach weil sich das gut anfühlt.

Variante 1 belohnt kurzfristig. Du gewinnst einen Award. Die Medien fangen an, sich für Dich zu interessieren. Spitzenleistung passt gut zur Leistungs-Gesellschaft. Deshalb bekommst Du Aufmerksamkeit. Du stichst aus der Masse hervor. Bist größer als der Rest. Die Menschen kommen nur solange zu Dir, wie Du an der Spitze stehst.

 

 

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